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Kolumne: Japanische Spieleentwickler in der Identitätskrise

PG-Team, am 03.09.2012, Seite 1 von 1

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Only in Japan, only in Japan... Worte, die jeder der in den 90ern aufgewachsen ist, nur allzu schmerzlich kennen sollte. Damals war Japan DAS Land der Videospiele überhaupt. Die beiden Markt-Konkurrenten Sega und Nintendo hatten dort ihren Hauptsitz, die Spiele kamen wesentlich früher heraus und viele Produkte schafften es nie bis zu uns. Doch heute? Die ein oder andere Identitätskrise hat sich klammheimlich in japanischen Spiele-Studios breit gemacht. Wir haben uns der Thematik mal etwas ausführlicher gewidmet. Viel Spaß beim Lesen und Diskutieren in den Comments!

Es wird verbal geschossen

Der große Traum von Final-Fantasy-Schöpfer Hironobu Sakaguchi war es, in naher Zukunft reale Schauspieler durch am Computer animierte Figuren zu ersetzen. Zwischen Videospielen und Filmen sollte es irgendwann keine Grenzen mehr geben. Ein Traum kann jedoch schneller zerplatzen, als es einem lieb ist. Sakaguchi war seiner Zeit einfach voraus. Final Fantasy: Die Mächte in dir war als einer von drei Spielfilmen konzipiert, die Sakaguchis Vision verwirklichen sollten. Doch der Film konnte zur Zeit seiner Veröffentlichung im Jahre 2001 die Erwartungen nicht erfüllen und stürzte Square damit beinahe in den Ruin. Sakaguchi verließ den Konzern und mit ihm ging auch die Genialität, die Final-Fantasy-Titeln bisher anhaftete. Rund zehn Jahre später wurde Sakaguchis Vision tatsächlich immer mehr zur Realität - nur spielte er bei dieser Geschichte keine Rolle mehr. Männer wie Shinji Mikami (Resident Evil) und Hideo Kojima (Metal Gear) setzten einiges daran, sich an dem Glanz und der Qualität westlicher Produktionen zu orientieren, aber dennoch die eigene Herkunft nicht zu vergessen.

Kojima z.B. ist jedoch noch längst nicht an seinem Ziel angekommen. Er versucht seit Metal Gear Solid, Videospiel und Film miteinander zu kombinieren. Der Spieler soll selbst am Geschehen teilhaben können, sogar in Zwischensequenzen. Und Kojimas Konzept ging auf: Er heimste weltweiten Ruhm mit seinen Ideen ein. Allerdings prophezeit das Konami-Genie von Zeit zu Zeit immer recht seltsame Dinge, was die Zukunft der Konsolen angeht. So sieht er bereits in einigen Jahren ein Ende der traditionellen Heimkonsolen.

Kojima verspricht für seine nächsten Projekte Dinge, die das Videospielen revolutionär bereichern sollen. Er scheut sich aber auch nicht, verbal gegen seine Kollegen aus Japan zu wettern. Seit der Generation-HD herrscht nämlich eine raue Atmosphäre unter japanischen Entwicklern. Berühmtheiten wie Keiji Inafune (Mega Man), Akira Yamaoka (Silent Hill), Mikami oder auch Kojima werfen einigen Studios Ideenlosigkeit vor. Shinji Mikami gab erst kürzlich öffentlich zu, japanische Entwickler können nicht mehr mit großen Produktionen aus den USA mithalten. Er wirft den Entwicklern aus Japan auch vor, zu wenig Budget in die Spiele zu packen. „Japan muss Spiele produzieren so wie Hollywood Filme“, lautet ein Originalzitat des Schöpfers des Resident-Evil-Franchise. Mikami selbst hat Capcom bereits vor einiger Zeit verlassen, lobt das Unternehmen aber für seine Philosophie und die Art von Videospielen, die dort momentan produziert werden. Auch an Kojima wurde ein freundlicher Gruß ausgesendet. Für den Rest der Branche hat Mikami jedoch kein Lob mehr übrig. Immer mehr bahnt sich eine kleine Schlammschlacht unter den Entwicklern an.

Hier kann man ein erstes Fazit ziehen: Was die Optik angeht, da sind die westlichen Entwickler den Japanern voraus. Es sieht aus, als hätte es eine Wachablösung gegeben, und im fernen Osten hat keiner davon etwas mitbekommen.



Optik oder Gameplay: Altes japanisches Sprichwort

Mikami hatte genug. Also tat sich das Enfant Terrible des Survival-Horrors zusammen. Gemeinsam mit Grasshopper Manufacture und Electronic Arts als Publisher, erschufen Mikami, Yamaoka und Goichi „Suda 51“ Suda (No More Heroes) Shadows of the Damned. Der Third-Person-Shooter erschien für aktuelle HD-Konsolen wie die Playstation 3 und die Xbox 360. Ohne Frage: ein Spiel konzipiert für den westlichen Markt. Allerdings konnte man auch nicht behaupten, die japanisch-amerikanische Produktion hätte nun eine Revolution ausgelöst. Kurzweiliges Vergnügen war vorhanden, in der Geschichte großer Videospiele wird es jedoch keinen Platz einnehmen. Dabei hätte man sich bei dem Klang solch großer Namen doch wahrlich etwas mehr Individualität gewünscht. Wohl ein weiterer Punkt, der an westliche Studios geht.

Aber stecken japanische Entwickler nun wirklich in einer Identitätskrise!? Das klingt ja eigentlich völlig übertrieben. Schaut man sich aber die aktuelle Generation an JRPGs an, so wird schnell klar: Hier gibt es eine riesige Baustelle. Nahezu jeder in HD produzierte Titel konnte den Erwartungen nicht gerecht werden. Prominentes Beispiel: Final Fantasy XIII. Die lange Entwicklungszeit wurde dem Spiel kaum gerecht. Serientypische Elemente wie Städte oder frei begehbare Landschaften wurden entfernt und durch die unbeliebten Schlauchlevel ersetzt. Final Fantasy goes casual krächzten die aufgebrachten Fans. Square Enix sah die Kritik jedoch gelassener. Man könne sich halt nur auf aufwendige Grafik ODER ein ausgereiftes Gameplay konzentrieren. Beides sei nicht möglich, hieß es. Erstmals wurde klar: Japanische Entwickler haben Probleme mit der Umsetzung von HD-Technik. Ein Grund, wieso Nintendos Firmenköpfe bei ihrer kommenden Wii U so vorsichtig sind. HD ist völliges Neuland für den Mario-Konzern. Zelda-Regisseur und -Produzent Eiji Aonuma gab bereits bekannt, dass man sich für die Entwicklung der Grafik und Technik Hilfe aus den USA holen wird. Bei all den eher mäßigen Erscheinungen ist es kein Wunder, dass ausgerechnet das grafisch völlig bodenständige Xenoblade Chronicles von den Spielern zum wohl besten japanischen Rollenspiel dieser Generation gekürt wurde.


Nutznießer gibt es bei dieser Geschichte aber dennoch. Und das wären die Handhelds. Was japanische Entwickler auf großen Systemen nicht mehr vollbringen können, beweisen sie imposant auf aktuellen Handhelds. Bereits die PSP profitierte davon und kann Perlen wie Crisis Core: Final Fantasy VII, The 3rd Birthday, Kingdom Hearts: Birth by Sleep und Metal Gear Solid: Portable Ops sowie Peace Walker ihr Eigen nennen. Die Handhelds, besonders der DS, profitierten als wunderbare Recycling-Plattform für qualitativ hochwertige Portierungen und Remakes alter Klassiker der japanischen Videospielgeschichte. Ebenfalls keine Überraschung stellt es dar, dass Hochkaräter wie Kingdom Hearts 3D: Dream Drop Distance und Monster Hunter 4 exklusiv für den 3DS erscheinen. Bereits Monster Hunter Tri G hat sich auf Nintendos neuem Handheld in Japan bereits über eine Million mal verkauft.

Ja, ihre ganz großen Stärken zeigen die Entwickler aktuell nur auf mobilen Plattformen. Hier kann man sich anscheinend mehr auf den Kern konzentrieren. Der Grafik-Aspekt ist eine überwindbare Hürde und Produktionskosten halten sich ebenfalls in Grenzen. Ob es genau hieran liegt, dass der Markt der iOS- und Android-Spiele derzeit in Japan einen mittelgroßen Boom erlebt? Erst vor kurzem gab es zum Beispiel Gerüchte bezüglich eines Nachfolgers des großartigen The World Ends With You, welches eine absolute Adventure-Perle auf dem Nintendo DS darstellt. Viele Fans hielten es dann erstmal für einen schlechten Scherz, als sich herausstellte, dass es sich nicht etwa um einen neuen Titel der bisher noch nicht existenten Serie für einen Handheld, sondern lediglich um eine Portierung des Originals für das iOS-System handelt. Doch tatsächlich ist Square-Enix hier beinahe ein Wiederholungstäter. So erschienen bereits in der Vergangenheit Titel wie Final Fantasy Tactics: War of the Lions oder auch Final Fantasy III (das DS-Remake, wohlgemerkt) auch für diverse Mobiltelefone. Um hier noch etwas weiter auszuholen: Bereits vor vielen vielen Jahren brachte der japanische Rollenspielgigant ihr Episoden-Spiel Final Fantasy VII: Before Crisis auf japanische Handys. Doch nicht nur Square-Enix springt derzeit auf diesen Zug auf, so kündigte auch Capcom vor kurzem an, dass man einen Monster Hunter-Titel exklusiv für das iOS-Betriebssystem entwickelt. Ein kleiner Schlag ins Gesicht der PSVita- und PSP-Besitzer? Mit Sicherheit.


Doch woher kommt dieser Boom, der aktuell vor allem für japanische Rollenspiele von großer Bedeutung zu sein scheint? Tatsächlich ist das vielleicht simpler, als man es im ersten Moment annehmen mag. Man muss es einmal aus dieser Sichtweise sehen, dass ein recht umfangreiches Rollenspiel, komplett mit Texten, Tonspur, verschiedenen Sprachen, großen Arealen und dem gesamten Drum und Dran enorm hohe Produktionskosten hat. Ein Spiel wie zum Beispiel Final Fantasy VII, von dem seit Jahren ein Remake gefordert wird, würde schlichtweg horrende Entwicklungskosten mit sich bringen. Da ist es natürlich deutlich simpler, ein kleines iOS-Spiel zu entwickeln oder gar nur eine Portierung auf das System durchzuführen. Durch den günstigeren Preis des Produktes wird die Anschaffung für zahlreiche Spieler eine Überlegung, und es gibt mehr Spontan-Käufe. Rechnet man hier den geringeren Gewinn auf höhere Verkaufszahlen und geringere Produktionskosten, braucht man nicht lange überlegen was für die Entwickler ein geringeres Risiko darstellt: Mammut-Projekt auf Handhelds und Konsolen, oder flotter Titel für Smartphones und Apfel-Geräte? Richtig, für uns wäre die Wahl klar, doch die Menschen hinter den Spielen müssen zu einem gewissen Grad nunmal tatsächlich einfach den Geld-Aspekt betrachten.

Der Boden des Artikels

Aber sind die Japaner denn nun wirklich raus aus dem großen Geschäft? Nun, so ganz stimmt das ja nicht - obwohl sie tatsächlich in einer kleinen Identitätskrise stecken. Es tobt ein Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Und so richtig können sie sich alle nicht entscheiden. Lediglich Goichi Suda von Grasshopper Manufacture kann sich entspannt zurücklehnen, denn er ist in der Lage dazu, auf Hochzeiten in Fernost und im Westen gleichzeitig zu tanzen.

Ohne Zweifel ist und bleibt die japanische Videospielkunst der aus dem Westen erhaben. Dafür steckt einfach immer noch zu viel Kreativität in den einzelnen Titeln. Allerdings haben Visionäre wie Hideo Kojima auch recht. Man muss den Spielern etwas Einzigartiges liefern. Dabei darf man jedoch nicht die Technik vernachlässigen. Immer wieder berichtet Kojima, wie hart die Arbeit an Metal Gear Solid 4 war. Und dennoch ist ein sowohl technisch als auch spielerisch genialer Titel daraus geworden. Budget in Verbindung mit harter Arbeit könnte sich in Zukunft beweisen. Es ist jedoch kein leichter Weg. Besonders Nintendo wird noch vor harten Aufgaben stehen. Es gilt, die Technik zu meistern. Das bedeutet nicht, dass sich fortan an der Philosophie der Entwickler etwas ändern wird. Die Zukunft wird aber zeigen, wie sehr man aus dieser Generation gelernt hat.

Ein deutlich westlicher Trend in japanischen Produktionen ist bereits jetzt ganz deutlich zu erkennen. Capcom und Konami werden diesen Weg weitergehen. Denn für sie ist der Werdegang jetzt schon klar: eine erneute Wachablösung. Diesen Triumph will man dem Westen nicht gönnen.

Trinkt gerne japanisches und amerikanisches Bier, doch die Heimat schmeckt immer noch am besten: Marcel Eifert [Planet3DS] und Hans Weiler [PlanetVITA] für PortableGaming.de

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2 Kommentare

profil 149 comments
[04.09.2012 - 07:45 Uhr]
Mamagotchi:
Gute Kolumne! Allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass die Grafik an sich egal ist. Wichtig ist der Grafikstil, der dem Spiel die Seele verleiht. Ist es eine 0815-WischiWaschi-Grafik wird das niemanden interessieren. Man braucht entweder HD-Grafik oder Cel-Shading um überzeugen zu können. Und bei manchen Titeln spielt die Grafik überhaupt keine Rolle, wie zum Beispiel bei Angry Birds oder Tertris. Hier ist einfach nur das Gameplay wichtig. Die WiiU könnte eine Plattform sein, auf der sich japanische Entwickler austoben könnten. Zum Beispiel wären doch Remakes möglich, die man dann für einen angemessenen Preis in den eShop stellen kann. Auch sollen die DEV-Kits einiges enthalten was das erstellen von HD-Grafiken erleichtern soll. Man darf gespannt sein ;-).
profil 69 comments
[04.09.2012 - 09:25 Uhr]
Defuso:
Das ganze mal aus einer anderen Perspektive:

Aktuell schauen täglich ca. 3000 Menschen Siglemic dabei zu wie er seinen Weltrekord in SM64 erneut brechen will (alles bei twitch). Die ganzen HD Spiele kommen höchstens bei Turnieren oder durch Casts auf solche Zuschauerzahlen. Auch das neue GW2 schafft keine solchen Zahlen. Es scheint irgendwie selbst dem Zuschauer um viele andere Aspekte zu gehen.

Und dann ist auch irgendwie nicht Japan=Japan und USA=Westen. Das passt auch alles nicht so ganz. Und dann ist auch nicht gleich jeder Spieler irgendwie gleich und sucht die gleichen Spiele.

Irgendwie fehlt mir hier die Akzeptanz und das Schätzen der Vielfalt auf beiden (!) Seiten. Das ist auch in all den anderen Artikeln nicht durchgekommmen. Auch werden die aktuellen Verkaufszahlen fleißig verschwiegen, dabei sind da die direkten Ländervergleiche echt erstaunlich. Ich fände es schon spannend zu überlegen weshalb die alten DS Konsolen noch so fleißig gekauft werden. Oder zu überlegen, weshalb Speedruns hauptsächlich auf Nintendos Spielen (oder typischen japanischen) gemacht werden.
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